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Armee der Einheit

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Herzlich willkommen zu Angelesen, dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, heute zum Werk von Matthias Rogg, Armee der Einheit? Deutsche Streitkräfte zwischen Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung. Als sich 1989/90 völlig unerwartet die Gelegenheit zur Verwirklichung der Deutschen Einheit ergab, stellte dies auch die Bundeswehr vor große Aufgaben, die historisch beispiellos waren. Mit Übernahme und Abwicklung der Nationalen Volksarmee (NVA) wurde die Bundeswehr zur Armee der Einheit. Der Militärhistoriker Matthias Rogg legt mit der vorliegenden Arbeit eine präzise Überblicksdarstellung über das Zustandekommen der Armee der Einheit vor. Die Darstellung setzt mit der Betrachtung der politischen und militärischen Lage der beiden deutschen Staaten in den 1980er Jahren ein. Bundesrepublik wie auch die Deutsche Demokratische Republik (DDR) waren im Kalten Krieg Frontstaaten und galten als zuverlässige Mitglieder ihrer jeweiligen militärischen Bündnisse. Sowohl Bundeswehr als auch NVA basierten auf der allgemeinen Wehrpflicht. Die Bundeswehr umfasste annähernd 500 000 Mann und war in der westdeutschen Gesellschaft breit akzeptiert. In Meinungsumfragen stimmten über 80 Prozent der Befragten der Aussage zu, die Bundeswehr trage zur Sicherung des Friedens bei. Mehrere NATO-Mitglieder demonstrierten ihre Bündnistreue, indem sie eigene Truppen beim deutschen Bündnispartner unterhielten, allen voran die Vereinigten Staaten, die fast 250 000 Mann in der Bundesrepublik stationiert hatten. Die NVA der territorial erheblich kleineren DDR umfasste 170 000 Mann. Im Gegensatz zur Bundeswehr war sie zeitweise das Instrument für einen etwaigen Angriffskrieg und ein militärisches Instrument zur Sicherung der Herrschaft der diktatorisch herrschenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Eine Offizierskarriere in der NVA stand letztlich nur Parteimitgliedern offen. Anders als in der Bundesrepublik gab es keinen zivilen Ersatzdienst. Aber mit den Bausoldaten gab es in der DDR eine Besonderheit, die im Warschauer Pakt einzigartig war. Männer, die den Dienst an der Waffe verweigerten, wurden trotzdem Uniformträger und arbeiteten als sogenannte Bausoldaten zum Beispiel an militärischen Infrastrukturprojekten. Nach Dienstzeitende hatten Bausoldaten jedoch anhaltende Schikanen durch den Staat zu erwarten. Die NVA war nur eines der „bewaffneten Organe“ des SED-Regimes. Hinzu kamen u. a. die eigenständigen Grenztruppen der DDR mit 47 000 Mann und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das über 91 000 hauptamtliche Mitarbeiter und ein riesiges Arsenal an Handfeuerwaffen bis hin zum schweren Maschinengewehr verfügte. Das dicht gespannte Netz der „sozialistischen Landesverteidigung“ erfasste statistisch jeden vierten bis fünften Erwachsenen. Damit gehörte die DDR zu den am meisten militarisierten Gesellschaften weltweit. In der Bundesrepublik war nur jeder 34. Erwachsene in vergleichbaren Organisationen zur Landesverteidigung organisiert. Die Rote Armee war mit ihrer bis zu 400 000 Mann starken Westgruppe in der DDR vertreten. Der Fortbestand des SED-Regimes hing von der Unterstützung durch die Sowjetunion ab. Die sowjetische Deutschland- und Sicherheitspolitik änderte sich im Lauf der 1980er Jahre unter dem Eindruck wirtschaftlicher Erfordernisse. Die Reformpolitik Michail Gorbatschows war auf wohlwollende Begleitung aus westlichen Ländern angewiesen, insbesondere auf Kredite aus der Bundesrepublik. Als im Herbst 1989 Massenproteste gegen das SED-Regime ausbrachen, rührte Moskau zu dessen Stabilisierung keinen Finger. Die Proteste ohne sowjetische Rückendeckung niederzuschlagen, war keine Option. Matthias Rogg erklärt: „Die Risikeneiner weiteren internationalen Isolierung der DDR wären nicht beherrschbar gewesen“. Mit dem Ende der SED-Herrschaft verlor die NVA ihren wesentlichen Charakter als Sicherungsinstrument der Parteidiktatur. Anfang 1990 kam es an 39 Standorten zu Soldatenstreiks, mit denen eine Verbesserung der besonders für die Wehrpflichtigen sehr unattraktiven Dienstbedingungen erreicht werden sollte. Die Streiks konnten durch Entgegenkommen der politischen Führung beigelegt werden. Zudem wurden viele Wehrpflichtige vorzeitig entlassen. Der Umfang der NVA ging bis zur Wiedervereinigung von 170 000 auf rund 90 000 Mann zurück, davon die Hälfte Zeit- und Berufssoldaten. Nach den ersten freien Parlamentswahlen in der DDR wurde das bislang immer von einem General oder Admiral geleitete Ministerium für Nationale Verteidigung in „Ministerium für Abrüstung und Verteidigung“ (MfAV) umbenannt und erhielt erstmals eine zivile Führungsspitze. Die Zeichen standen auf Wiedervereinigung. Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs schlossen den Zwei-plus-Vier-Vertrag mit beiden deutschen Staaten, unter der Bedingung, dass die Streitkräfte des vereinten Deutschlands nicht mehr als 370 000 aktive Soldaten umfassen. Seit August 1990 machte sich eine Verbindungsgruppe des BMVg im MfAV ein Bild von Personalstruktur und Liegenschaften der NVA. Die im MfAV angestellte Überlegung, die NVA binnen einer längeren Übergangsfrist in die Bundeswehr überzuleiten, fand keine Zustimmung im BMVg. Es war klar, dass es ab 3. Oktober 1990 nur noch e i n e deutsche Streitmacht geben würde. Die Eingliederung der NVA in die Bundeswehr bescherte dieser schlagartig einen Aufwuchs um 20 %. Der neue Personalbestand von 550 000 Mann war gemäß Zwei-plus-Vier-Vertrag um über 30 % zu reduzieren. Von 90 000 früheren NVA-Soldaten waren Mitte 1991 noch rund 48 500 im Dienst. Etwa die Hälfte der 45 000 früheren NVA-Zeit- und Berufssoldaten hatte freiwillig den Dienst quittiert. Sie hatten sich dem SED-Staat so verbunden gefühlt, dass sie sich treues Dienen in der Bundeswehr schlicht nicht vorstellen konnten. Viele nutzten die neuen Möglichkeiten im vereinten Deutschland auch für einen beruflichen Neuanfang. Von anderen musste man sich mangels Bedarfs trennen. Mitunter wurden diese ehemaligen NVA-Offiziere auch als Unteroffiziere in die Bundeswehr übernommen. Die Vorbehalte in der Bundeswehr gegen eine dauerhafte Übernahme ehemaliger NVA-Soldaten waren nicht unerheblich. Sie wurden von der politischen Führung überstimmt. Vormalige NVA-Angehörige, die durch Eignung, Befähigung und Leistung überzeugten und vorbehaltlos für die freiheitliche demokratischen Grundordnung eintraten, sollten eine faire Chance auf ein dauerhaftes Dienstverhältnis in der Bundeswehr erhalten. Die Personalplanung sah die dauerhafte Übernahme von bis zu 25 000 ehemaligen NVA-Soldaten vor. Wer langfristig in der Bundeswehr dienen wollte, musste sich zunächst um ein zweijähriges Dienstverhältnis als Zeitsoldat bewerben. Das taten 26 000 ehemalige NVA-Soldaten, von denen 18 000 eingestellt wurden. Rund 20 Prozent von ihnen wurden als ungeeignet beurteilt und nach Ablauf der zwei Jahre entlassen. Auch von einer Reihe der günstiger beurteilten und Übernommenen musste man sich im Nachhinein trennen, weil sich herausstellte, dass sie ihre inoffizielle Mitarbeit im MfS verschwiegen hatten. Schlussendlich wurden 10 800 NVA-Soldaten übernommen, davon 4 600 als Berufssoldaten. Bei einigen Offizieren traf nicht die übliche Auswahlkonferenz, sondern ein auch mit Politikern besetzter „Unabhängiger Ausschuss Eignungsprüfung“ die Übernahmeentscheidung. Hier stand der Personalgutachterausschuss aus den Aufbaujahren der Bundeswehr Pate. Dass somit die meisten früheren NVA-Soldaten nicht übernommen wurden, kam nicht überraschen, wie Rogg urteilt: „Mit Blick aufdie ideologische Vereinnahmung der NVA durch die SED und ihre Rolle im Herrschaftssystem der DDR wäre auch keine andere Entscheidung nachvollziehbar gewesen“. In den übernommenen militärischen Liegenschaften lag vieles im Argen. Die meisten genügten weder Hygiene-Standards noch arbeits- und umweltschutzrechtlichen Vorgaben. Die nötigen Sanierungen schlugen mit 20 Mrd. DM zu Buche. Waffensysteme und Munitionsbestände der NVA wurden dagegen entweder demontiert und vernichtet oder an interessierte Staaten verkauft. Große Erlöse ließen sich dabei nicht erzielen, weil nach dem Ende des Ostblocks auf dem globalen Waffenmarkt ein Überangebot herrschte. In der Bundeswehr wuchs nun zügig zusammen, was zusammengehörte. Ende der 1990er Jahre gab es „keine sichtbaren Unterschiede mehr zwischen der Bundeswehr im Westen und der im Osten“. Die immer schon hohe Mobilität in der Bundeswehr (Stichwort Pendler-Armee) und die Verlegung einer ganzen Reihe von Dienststellen nach Ostdeutschland trugen wesentlich dazu bei. Abschließend stellt Rogg fest, dass die Bundeswehr als Armee der Einheit im Prozess der Deutschen Einheit eine wichtige Rolle gespielt hat, einerseits dank allgemeiner Wehrpflicht als „gesamtdeutsche Sozialisationsmaschine“, andererseits als Trägerin zahlreicher Infrastrukturprojekte im sog. Aufbau Ost. Das war Angelesen, das Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, heute zum Werk von Matthias Rogg, Armee der Einheit? Deutsche Streitkräfte zwischen Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung.

Sprechtext: Dr. Christoph Kuhl

Sprecher: Christoph Jan Longen

 

von Christoph Kuhl
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