Carlo Masala zu Russland, den USAUnited States of America und uns
Sicherheitspolitik- Datum:
- Ort:
- Potsdam
- Lesedauer:
- 6 MIN
Prof. Dr. Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr München trug am 23. September 2025 im ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr über die Verschiebungen und Verwerfungen der internationalen Ordnung mit Fokus auf die USAUnited States of America und Russland vor. Im Zuge dessen erläuterte er auch die Konsequenzen für Europa und Deutschlands Sicherheitspolitik.
Prof. Dr. Carlo Masala hielt am 23. September 2025 einen Abendvortrag am ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr
Bundeswehr/Andrea NimpschGleich zu Beginn verortet Prof. Dr. Carlo Masala die deutsche Bundesregierung in einer Ausnahmesituation, die nur mit der Ära Adenauers oder der Kohls vergleichbar wäre: „Das gesamte Koordinatensystem deutscher Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik unterliegt einem fundamentalen, paradigmatischen Wandel.“ Die aktuelle Regierung sei dabei gezwungen, sich „neu zu positionieren“. Denn die frühere Trias aus „Schutz der Amerikaner, billige Rohstoffe aus Russland und Exportmarkt China“ scheine „perdu“ zu sein. Ohne die gewohnte ökonomische Stärke Deutschlands fehle zudem die innenpolitische Basis, um sicherheits- und außenpolitische Verantwortung zu tragen.
Angesicht der aktuellen Ereignisse befinde sich die Weltordnung nach Masala im „Umbruch“. Er zitierte dazu den italienischen Schriftsteller Antonio Gramsci: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Die liberale Ordnung stehe nach Masala unter starken Druck, denn revisionistische Akteure wie China und Russland strebten eine alternative, multipolare Ordnung an. Er betonte aber auch, dass diese Akteure nicht auf den Kreis der Autokratien und Diktaturen begrenzt sind, sondern sich auch Demokratien, wie beispielsweise Brasilien oder Indien, darunter befänden. Die Grenze verliefe zwischen „Status-quo-Staaten“ und „revisionistischen Mächten“, ohne an eine bestimmte Staatsform gebunden zu sein. Zusätzlich plädiert Masala zu beachten, dass eine neue Ordnung auch eine Form der „rule based world order“ sei, nur eben nicht nach vertrauten westlich-liberalen Maßstäben. Regeln existierten in beiden Welten, unterschiedlich sei nur die Art der „rules“.
Ein „fundamentaler Wandel“ vollziehe sich nach Masala bei dem bisher wichtigsten „Hüter und Bewahrer“ der liberalen Weltordnung: den USAUnited States of America. Nach Masala definierten die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Rolle derzeit neu. Sie zögen sich zwar nicht aus der internationalen Politik zurück, aber verabschiedeten sich als hegemonialer Anbieter kollektiver Güter, wie Sicherheit, an der andere Nationen bisher teilhaben konnten. „Die USAUnited States of America wollen Weltmacht bleiben, nur sie wollen ihre Strategie anders definieren“, verdeutlichte Masala. Auf den Punkt drückt er so aus: „Wer amerikanischen Schutz will, muss dafür bezahlen.“ Für Europa bedeute das: „Wir werden sukzessive mit einem weitgehenden Rückzug der Amerikaner aus Europa rechnen müssen.“ Die Prioritäten der USAUnited States of America lägen bei „Homeland defense“ und der westlichen Hemisphäre, von China sei nicht die Rede. In Zukunft seien die USAUnited States of America daher nicht mehr „der primäre Garant europäischer Sicherheit“. Ein Pfeiler von 70 Jahren deutscher Sicherheitspolitik würde damit gerade „wegbrechen“, und das im Moment einer „konkreten Bedrohung“ für die europäische Sicherheit.
Russland suche derzeit eine „Konfrontation“, wenn auch nicht immer mit militärischen Mitteln, aber definitiv einen „Umbruch“. Masala betonte, Russland strebe eine „Rückabwicklung der europäischen Sicherheitsarchitektur“ auf den Stand vor 1997 an. Das würde einen Abzug westlicher Streitkräfte aus dem Gebiet ehemaliger Warschauer-Pakt-Staaten, wie beispielsweise Polen, bedeuten. Russland wolle diesen Raum, seine ehemalige hegemoniale Sphäre, wieder „politisch und ökonomisch“ dominieren. Sollte das gelingen, dann wären wir aber praktisch zurückgeworfen auf das Jahr 1989, so Masala. Die Bedrohung unserer Sicherheit würde dann zwar nicht an der innerdeutschen Grenze beginne, aber an unserer heutigen an Oder und Neiße. Dazu ginge es Russland in seinem Krieg gegen die Ukraine auch um weit mehr als die Ukraine selbst, nämlich um „globale Fragen“. Aus russischer Perspektive sei der Krieg in der Ukraine ein „Weltordnungs-Konflikt“. Daher würde auch ein Sieg Moskaus in Kyjiw die Sicherheit Deutschlands und Europas „dramatisch verschlechtern“.
Zur Charakterisierung der sicherheitspolitischen Situation zitierte Masala anschaulich einen Rob Joyce: „Russland ist wie ein Tsunami, China wie der Klimawandel.“ Während der „Tsunami“ lediglich zerstöre, aber Neuaufbau möglich sei, zwinge der „Klimawandel“ zu viel langfristigeren Anpassungen. Dazu würden wir vor einer neuen Bipolarität der USAUnited States of America und China stehen. Beide hätten nach Masala „overall capabilities“ auf den Gebieten der Politik, der Wirtschaft und des Militärs, aber auch der „soft power“ – die wir und andere nicht hätten. China wäre den USAUnited States of America zwar unterlegen, hätte aber die Fähigkeit aufzuwachsen. Alle andere Staaten seien gegen diese beiden „Gorillas“ bestenfalls „Schimpansen“. Diese Situation lasse nach Masala nur den Schluss zu, dass das zukünftige System entweder bipolar sei oder auf eine abgeschwächte Unipolarität der USAUnited States of America hinauslaufe – aber nicht auf Multipolarität.
Nach seinem Vortrag beantwortete Prof. Dr. Masala auch Fragen im Pressegespräch
Bundeswehr/Andrea NimpschIn dieser komplexen sicherheitspolitischen Lage finden sich Deutschland und Europa vor zentralen Herausforderungen. Nach Masala stehe nicht nur die transatlantische Kooperation auf dem Spiel, sondern auch die „innereuropäischen Kohärenz“ – deren kleinster gemeinsamer Nenner oft nur der stabile Binnenmarkt sei. Nach dem Wegfall der USAUnited States of America als Garant deutscher Sicherheit wäre damit auch der „europäische Pfeiler“ der deutschen Außenpolitik stark gefährdet.
Laut Masala sind im Rahmen eines europäischen Prozesses bereits zwei „Groschen“ gefallen: die Notwendigkeit höherer Finanzmittel für Verteidigung und die Notwendigkeit größere Streitkräfte. Dazu sei ein neues Kooperationsmuster in der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu erkennen. Hierfür entstünde ein dichtes Netz von neuen und alten bi-, tri- und minilateraler Kooperationen, wie unter anderem das gute Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich, das Weimarer Dreieck oder Kooperationen mit dem Vereinigten Königreich und den nordischen Staaten. Problematisch sei allerding, dass „diese Kooperationsformen weniger seien als die EU als solche.“ Als Vorreiter der neuen Kooperationen sieht Masala Deutschland, Frankreich, Polen und Großbritannien, Italien fehle seiner Meinung nach. Er sähe aber positiv, dass die Einsicht reife, dass „Stärkung nur erfolgen kann, wenn man in kleineren Gruppen vorangeht, in der Hoffnung, das andere folgen.“ Deutschland sei hier Schrittmacher und hätte den „richtigen Weg“ eingeschlagen.
Konzentriert und interessiert: Das Publikum verfolgte den Ausführungen des Referenten aufmerksam.
Bundeswehr/Andrea NimpschDie EU und Deutschland seien weiterhin abhängig von den USAUnited States of America, einerseits bei der Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland und andererseits bei der eigenen Sicherheit. Daher müssten Deutschland und Europa versuchen, die USAUnited States of America „im Boot“ zu halten und gleichzeitig Abhängigkeiten „so weit wie möglich zu reduzieren“. Die Verpflichtung, die Ausgaben der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Staaten für Verteidigung auf 3,5 Prozent des BIPBruttoinlandsprodukt zu erhöhen, sei dabei aber möglicherweise „janusköpfig“: Sie ermögliche den eigenständigen Verteidigungsaufbau in Europa, vor allem im Baltikum, aber diene Washington wohlmöglich als Argument für eine schnellere Abkehr von der Unterstützung Europas. Masala erinnerte daher an die politische Versprechen Deutschlands, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee der NATONorth Atlantic Treaty Organization aufzubauen. Daraus folge nämlich auch eine Führungsverantwortung. Masala verwies dazu auf die Bevölkerungsbefragung des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, der zufolge eine deutschen Führungsrolle von einer Mehrheit der Befragten geradezu „eingeklagt“ würde.
Masala sieht bis zum heutigen Tag nicht, dass die Bedeutung dieser Verantwortung in Politik und Gesellschaft erkannt ist. Entscheidend sei, ob Gesellschaft und Politik bereit seien, den politischen und ökonomischen Preis über längere Zeit zu zahlen, denn „Kriege werden an zweit Stellen verloren: einmal auf dem Schlachtfeld und zweitens an der Heimatfront.“
von Michael GutzeitVorträge, Work-Shops und Tagungen am ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr