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Workshop

Militärgeschichte und Osteuropaforschung - Perspektiven und Schnittstellen

Workshop

Mit dem Workshop „Militärgeschichte und Osteuropaforschung“ am 13.-14. November 2025 widmete sich die Forschungsgruppe „Ergänzende Forschungsperspektive Osteuropa“ des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr den Schnittstellen von Militärgeschichte und Osteuropaforschung.

8 Personen in Anzügen sitzen an einem U-förmigen Tisch

Oberst Dr. Frank Hagemann begrüßt die Teilnehmenden des Workshops

Bundeswehr/Nimpsch

Der Workshop, den das ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V.eingetragener Verein (DGO) in Potsdam veranstaltete, zielte darauf ab, zwei wissenschaftliche Teilbereiche miteinander zu verbinden: die moderne Militärgeschichte und die historische Osteuropaforschung. Schon in der Begrüßung betonten der Kommandeur des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Oberst Dr. Frank Hagemann, der Leitende Wissenschaftler des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Prof. Dr. Dr. Alaric Searle, sowie Dr. Gabriele Freitag, Geschäftsführerin der DGO, dass ein vertiefter Dialog zwischen diesen beiden Forschungsfeldern für eine zeitgemäße Analyse des osteuropäischen Raums unverzichtbar ist. Dieses Anliegen unterstrich Dr. Kristiane Janeke, Leiterin der Forschungsgruppe „Ergänzende Forschungsperspektive Osteuropa“. In ihrem Eröffnungsvortrag „Militärhistorische Osteuropaforschung zum Zeitalter der Weltkriege“ formulierte sie den Leitgedanken und die Ziele des Workshops: Sowohl die moderne Militärgeschichte als auch die historische Osteuropaforschung lassen sich nur dann adäquat bearbeiten, wenn methodische Zugänge, theoretische Perspektiven und analytische Kategorien beider Ansätze systematisch aufeinander bezogen werden.

Frau mittleren Alters mit Brille und orangem Blazer.

Dr. Kristiane Janeke, Leiterin der „Erweiterten Forschungsperspektive Osteuropa“, eröffnet den Workshop

Bundeswehr/Nimpsch

Impulse zum Einstieg

Impulsvorträge von Prof. Dr. Jan C. Behrends (Europa-Universität Viadrina Frankfurt Oder / Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam), Dr. Corinna Kuhr-Korolev (ZZFLeibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam), Prof. Dr. Stephan Lehnstaedt (Touro University Berlin) und Prof. Dr. Sönke Neitzel (Universität Potsdam) eröffneten den Workshop. Bereits die Eingangsdebatte, die Prof. Dr. Joachim von Puttkamer (Universität Jena) moderierte, zeigte, dass die beteiligten Fachrichtungen stark von ihren je eigenen Forschungstraditionen geprägt sind. Diese Schwerpunktsetzungen sind keineswegs Ausdruck mangelnden Interesses, sondern verweisen auf die unterschiedlichen epistemischen Kulturen, in denen sich die Forschenden bewegen. Sowohl die Osteuropaforschung als auch die moderne Militärgeschichte operieren mit eigenen Begriffen, Quellen und analytischen Prioritäten. Entsprechend stehen sie in Diskussionen häufig nebeneinander, ohne dass die jeweiligen Anknüpfungspunkte unmittelbar sichtbar werden. Gerade diese auffällige fachliche Distanz unterstreicht jedoch die Notwendigkeit einer systematischeren Verzahnung beider Perspektiven.

drei Männer mittleren Alters mit einem Mikrophon im Gespräch

Prof. Dr. Jan C. Behrends, Prof. Dr. Sönke Neitzel und Prof. Dr. Joachim von Puttkamer während der Impulsvorträge

Bundeswehr/Besser

Besatzungs- und Operationsgeschichte 

Auf die Eingangsdebatte folgten drei Panels, die die Breite der Forschung rund um die moderne Militärgeschichte und die historische Osteuropaforschung sichtbar machten. Die Vorträge kommentierten Expertinnen und Experten der jeweils anderen Disziplin, also entweder aus militärgeschichtlicher oder der Perspektive der Osteuropastudien. Das erste Panel am Nachmittag des ersten Tages widmete sich der „Besatzungs- und Operationsgeschichte im Zweiten Weltkrieg“. Es verband Forschungsfelder, die zwar eng miteinander verwoben sind, aber in der bisherigen Literatur häufig getrennt behandelt werden. Die Beiträge zu der sowjetischen Operation „Bagration“ (Oberstleutnant Chris Helmecke, ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr), der Digitalisierung deutscher Besatzungsakten (Dr. Dr. Valentin Schneider, Universität Osnabrück) und der Befreiungsbewegung der Inneren Mazedonischen Revolutionären Organisation (IMRO) am Vorabend des Zweiten Weltkrieges (Prof. Dr. Markus Wien, AUBG, Sofia) rückten zum einen die praktischen Abläufe und Entscheidungsstrukturen militärischer Operationen in den Blick. Zum anderen thematisierten sie die konkrete Umsetzung von Besatzungspolitik vor Ort, einschließlich der Dynamiken zwischen zentral vorgegebenen Maßnahmen und Handlungsspielräumen vor Ort. Besonders deutlich wurde dabei, wie stark operative Entscheidungen, logistische Zwänge und die politische Zielsetzung der deutschen Kriegführung ineinandergriffen und wie sehr Gewaltpraktiken, Versorgungslagen und Verwaltungsstrukturen sich gegenseitig beeinflussten. Das Panel zeigte, wie auch die Kommentare von Dr. Matthias Uhl (Max Weber Netzwerk Osteuropa, Helsinki) und Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer (Universität Wuppertal) unterstrichen, dass Besatzungs- und Operationsgeschichte ein komplexes Gefüge aus militärischen Abläufen, administrativen Eingriffen und situativen Aushandlungsprozessen ist. Es kann nur im Zusammenspiel mit regionalspezifischer Kenntnis adäquat verstanden werden.  

Mann mit hellgrauen Haaren und Uniform steht am Pult und hält einen Vortrag

Im Panel zur „Besatzungs- und Operationsgeschichte im Zweiten Weltkrieg“ sprach Prof. Dr. Markus Wien

Bundeswehr/Nimpsch

Historisches Erbe und gegenwärtige Militärkulturen

Der zweite Tag begann mit einem Panel zur „Erinnerung und Geschichtspolitik“.  Die Vorträge, moderiert von Prof. Dr. Katja Makhotina (Universität Erlangen-Nürnberg), zeichneten gegenwärtige Auseinandersetzungen um das historische Erbe des 20. Jahrhunderts in Osteuropa nach. Sie diskutierten den Wandel der Erinnerungslandschaft an den Zweiten Weltkrieg im Kontext des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine (Dr. Kristiane Janeke, ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr), das Konzept des Genozids am belarussischen Volk (Gundula Pohl, Fernuniversität Hagen) und den Umgang mit Kriegsdenkmälern in der von Russland besetzten Ukraine (Prof. Dr. Mischa Gabowitsch, Universität Mainz). Auch in den Kommentaren von Dr. Jörg Morré (Museum Berlin-Karlshorst) und Prof. Dr. Jörg Echternkamp (ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) wurde deutlich, dass Geschichtspolitik nicht einfach nur als nachträgliche Verhandlung historischer Entwicklungsprozesse zu verstehen ist. Sie ist vielmehr aktiver Bestandteil gegenwärtiger Identitäts- und Sicherheitsdiskurse, die konkrete Auswirkungen auf transnationale Beziehungen und gesellschaftliche Selbstbeschreibungen haben.

Frau mit blonden Haaren und Uniform und Mann mit schwarzen Pullover machen sich Notizen

Frau Hauptmann Luisa Eckert ist auch Mitglied der Forschungsgruppe

Bundeswehr/Nimpsch

Das dritte Panel beschäftigte sich mit dem Thema „Streitkräfte und Militärkulturen“. Hier präsentierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ihre Forschungsprojekte. Die Vortragenden stellten ihre Arbeiten zur Perzeption der russischen Streitkräfte durch das deutsche Militär 1890 bis 1945 (Hauptmann Luisa Eckert), der militärischen Gewalt der Kosaken unter verschiedenen Regimen (Evgen Zinger, ZZFLeibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) sowie der Entstehung der polnischen Armee (Jonas Baake, ZZFLeibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) vor. Das Panel moderierte Prof. Dr. Maren Röger (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europas, Leipzig), Kommentare sprachen Prof. Dr. Werner Benecke (Europa-Universität Viadrina Frankfurt Oder) und Prof. Dr. Dr. Alaric Searle (ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr).

Abendvortrag

Der Abendvortrag von Dr. Alexander Hill (University of Calgary) war als herausragender Programmpunkt gesetzt. Hill, ein international profilierter Militärhistoriker, der zur Geschichte der sowjetischen und russischen Streitkräfte und Militärkultur sowie zu strukturellen Grundlagen der sowjetischen und russischen Kriegführung forscht, knüpfte an seinen jüngst erschienenen Beitrag „Understanding Russia’s ‘Special Military Operation’ in the Context of Its Wider Military History: Some Thoughts on a ‘Russian Way of War’“ an, der 2025 im The Routledge Handbook of Soviet and Russian Military Studies erschienen ist. Hills Vortrag löste eine lebhafte und kontroverse Diskussion rund um die Militärkultur aus, die das Konzept der militärhistorischen Osteuropaforschung einmal mehr um einen wichtigen Ansatz ergänzte und schärfte.

älterer Mann mit Brille steht am Pult

Dr. Alexander Hill forscht zur Geschichte der sowjetischen und russischen Streitkräfte und Militärkultur sowie zu strukturellen Grundlagen der sowjetischen und russischen Kriegführung

Bundeswehr/Nimpsch

Entwicklungen, Lehren und Ausblick 

Der Workshop war hochkarätig besetzt und interdisziplinär ausgerichtet. Er bot ein Format, in dem etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam mit Nachwuchsforschenden aktuelle Entwicklungen der Osteuropa- und Militärgeschichtsforschung diskutieren konnten. Der Austausch machte deutlich, dass künftig auch verstärkt Querschnittsperspektiven berücksichtigt werden sollten, um die Verbindung beider Disziplinen voranzutreiben. Dazu zählen etwa Fragestellungen aus dem Bereich der Gender Studies oder der Gewaltforschung. Diese Perspektiven gewinnen in der internationalen Forschung weiter an Bedeutung, weil sie dazu beitragen, militärische Organisationen, Gewaltformen, Handlungsspielräume und Wahrnehmungsmuster umfassender zu verstehen. Sie rücken jene sozialen, kulturellen und ökologischen Faktoren in den Blick, die militärische Entscheidungsprozesse ebenso prägen wie historische Deutungen und kollektive Erinnerung. Gerade im osteuropäischen Raum, der durch Vielschichtigkeit, Umbrüche und asymmetrische Machtverhältnisse geprägt ist, eröffnen solche erweiterten Zugänge neue analytische Zugänge.

drei Männer in Uniform sind seitlich zu sehen

Der Workshop ermöglichte das etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam mit Nachwuchsforschenden aktuelle Entwicklungen der Osteuropa- und Militärgeschichtsforschung diskutieren konnten

Bundeswehr/Nimpsch

Der Workshop verstand sich als Auftakt für eine weiterführende Zusammenarbeit. Deutlich wurde, dass nicht nur der konzeptionelle Ansatz – die systematische Verbindung von Osteuropaforschung und moderner Militärgeschichte – vertieft, sondern auch der wissenschaftliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus Mittel-, Ostmittel- und Osteuropa sowie dem Baltikum gestärkt werden sollte. Ziel muss es sein, methodische Zugänge, theoretische Modelle und empirische Forschung enger miteinander zu verknüpfen, um tragfähige Strukturen für zukünftige Projekte zu schaffen.

Der Abschluss der Veranstaltung mit einem Fazit von Dr. Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift Osteuropa, verdeutlichte noch einmal die Bedeutung eines offenen wissenschaftlichen Austauschs über Fachgrenzen hinweg. Die Rückmeldungen der Teilnehmenden unterstrichen, dass Formate wie dieses entscheidend dazu beitragen, Forschung zu Osteuropa und Militärgeschichte weiterzuentwickeln und neue Impulse zu setzen.

von Luisa Eckert

Veranstaltungsberichte

Vorträge, Work-Shops und Tagungen am ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr

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