Autocracy versus Technocracy: Explaining the Ukraine war
- Datum:
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- Potsdam
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Eine mutmaßliche Osterweiterung der NATO und eine Demokratisierung der Ukraine nach westlichem Vorbild werden immer wieder als Gründe für den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine angeführt. In seinem Vortrag entwarf der renommierte britische Historiker Dr. Mark Galeotti ein weitaus differenziertes Bild über die Hintergründe des Krieges.
Dr. Mark Galeotti löste das Versprechen ein, „gängige Sichtweisen“ zu verändern
Bundeswehr/BesserZum zweiten Quartalsvortrag 2026 begrüßte der Kommandeur des ZMSBw, Oberst Dr. Frank Hagemann, den britischen Historiker Dr. Mark Galeotti sowie die deutsche Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Gwendolyn Sasse. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, wie sich der russische Angriff auf die Ukraine vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen und aktueller Machtverhältnisse erklären lässt. War es „das Kalkül eines einzelnen Entscheidungsträgers, die personalisierte Entscheidungslogik eines autokratischen Regimes oder die tieferliegenden historischen, gesellschaftlichen und bürokratischen Strukturen, innerhalb derer dieses System agiert?“, fragte Hagemann. Es mache einen großen Unterschied, ob man Russlands Verhalten aus dem Kalkül einer einzelnen Person heraus erklären würde, oder ob man dazu strukturelle und historische Muster berücksichtigen würde. Die Antwort darauf sei für den Abend und ganz allgemein von allerhöchster Bedeutsamkeit: „Die Qualität unserer Sicherheitsanalysen hängt unmittelbar davon ab, wie präzise wir unseren Gegner einschätzen“, so Hagemann. „Wer den Krieg in der Ukraine verstehen will, muss Geschichte und Gegenwart, politische Ordnungen und gesellschaftliche Strukturen zusammen denken.“
Oberst Dr. Frank Hagemann begrüßte die Gäste zum 2. Quartalsvortrag 2026
Bundeswehr/BesserProf. Dr. Dr. Alaric Searle, Leiter Abteilung Forschung, Leitender Wissenschaftler und stellvertretender Kommandeur des ZMSBw, hob die breite und internationale Reputation Dr. Mark Galeottis in seinen nachfolgenden Begrüßungsworten hervor. Neben dessen aktueller Lehrtätigkeit in London habe der Osteuropaspezialist u.a. in New York, Prag und Moskau Internationale Beziehungen gelehrt und das britische Außenministerium und die NATO politisch beraten. Parallel zeichne den Briten eine umfangreiche Publikationstätigkeit aus. Bemerkenswert an Galeottis akademischem Profil, so Searle, sei zudem, dass sich seine Expertise nicht auf militärische Aspekte beschränke, sondern auch das Organisierte Verbrechen in Osteuropa umfasse: „So bekleidet er als Berater des National Museum of Organized Crime and Law Enforcement in Las Vegas eine der wohl interessantesten internationalen Beratungspositionen.“ Angesichts der Natur von Putins Kleptokratie verleihe dieses Fachwissen dem Verständnis und der Interpretation der politischen Abläufe in der Russischen Föderation eine „besondere Tiefe“.
Alaric Searle, Leiter Abteilung Forschung, Leitender Wissenschaftler und stellvertretender Kommandeur des ZMSBw, stellte die wissenschaftliche Vita von Dr. Mark Galeotti vor
Bundeswehr/BesserDer Krieg in der Ukraine sei von Putin als einem Mann geplant worden, der „so gut wie keine militärische Erfahrung“ habe, so Galeotti, der seinen Vortrag auf Englisch hielt (Anm.: bei allen Zitaten handelt es sich um Übersetzungen). Zwar verfüge Putin formal über eine Offizierausbildung, doch habe er für diese lediglich „ein paar Vorlesungen besucht“ und „vielleicht im Sommer ein paar Wochen im Zeltlager verbracht.“ Ganz im Gegensatz zu ihm stünde eine professionelle militärische Führung, die „einen außerordentlich intellektuellen Ansatz zur Kriegführung“ verfolge. An sich definiere die russische Militärdoktrin sechs verschiedene Kriegsszenarien, die jede für sich „mit enormem Aufwand an Recherche und Dokumentation verbunden“ seien. Ein regionaler Krieg wie der gegen die Ukraine sei eines dieser sechs Szenarien. Die hierfür vorgesehene Doktrin der „kontaktlosen Kriegsführung“ beinhalte umfassende Luftangriffe zu Beginn, keineswegs jedoch den frühen oder gleichzeitigen Einsatz von Bodentruppen. Als Ort der Umsetzung gelte das hochgesicherte Kommandozentrum im Kellerbereich des Moskauer Verteidigungsministeriums, wie auch zuletzt beim aus russischer Sicht erfolgreichen Syrienkrieg. Das Kommandozentrum mit dem „leistungsstärksten Supercomputer Russlands“ sei eine „höchst beeindruckende Anlage“: „Dieses Zentrum ist darauf ausgelegt, je nach Umfang der Operation bereits Wochen oder Monate im Voraus entsprechende Arbeitsgruppen zusammenzustellen“ – wozu es im Fall der Ukraine seltsamerweise aber nicht gekommen sei. Warum nicht?
Trotz der Ernsthaftigkeit des Themas sorgte der Englische Humor Dr. Mark Galeottis beim Publikum auch für Heiterkeit
Bundeswehr/BesserDie russische Intervention sollte ganz nach dem Vorbild der Kriminvasion von 2014 eine „kurze, demonstrative Aktion“ werden, so Galeotti. Eine militärische Spezialoperation, wie sie sich Geheimdienstoffiziere vorstellen, sei in dieser Lesart kein Krieg. Es sei ein hartnäckiger Mythos, dass die Russen geglaubt hätten, es würde ein Dreitagekrieg werden: „Putin rechnete mit einigen Wochen sporadischer Kämpfe, in denen nur vereinzelt Widerstand geleistet würde, gefolgt von einigen Monaten militärischer Befriedungsaktionen.“ Die russische Militärführung sei darum kaum in die Planung einbezogen, ihre Generalität in öffentlichen Videokonferenzen eher gedemütigt worden, das militärische Kommandozentrum inaktiv geblieben und die „kontaktlose Kriegführung“ nicht aufgenommen worden. In der Konsequenz der von Putin so angelegten „Spezialoperation“ seien überwiegend Invasionsstreitkräfte der Nationalgarde, der „Rosgwardija“, zum Einsatz gekommen, weniger die des regulären Militärs. Die Gardisten seien eigentlich eine Truppe für die innere Sicherheit. Erst zwei Tage nach Beginn der Invasion sei doch noch eine Arbeitsgruppe in der Kommandozentrale ins Leben gerufen worden. Um die Gründe dafür zu verstehen, müsse man das Verhältnis von russischer Geschichte oder russischer Geschichtsvorstellungen zur Macht analysieren, so Galeotti: „Die militärische Spezialoperation ist in erster Linie ein Produkt sowohl der Geografie als auch der Geschichte Russlands.“
Dem Vortrag folgte eine Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Gwendolyn Sasse, Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin und Professorin an der Humboldt-Universität Berlin.
Bundeswehr/BesserDemnach sei die russische Geschichte von „einem Gefühl ständiger Bedrohung“ geprägt gewesen. Auf Grund seiner geopolitischen Lage zwischen Europa und Asien habe sich Russland immer wieder Angriffen oder Invasionsversuchen anderer Mächte ausgesetzt gesehen. Das sei die „schlichte Logik dieser strategischen Kultur.“ Diese strategische Kultur habe sich, so Galeotti, in Putin personifiziert. Russland müsse alles in seiner Macht Stehende tun, um im Fall eines Konflikts bestmöglich für Kampf und Sieg gerüstet zu sein. Und das bedeute oft, präventiv zuzuschlagen: „Ich halte das für absolut entscheidend. Wir müssen Russlands Sichtweise nicht teilen, aber wir müssen anerkennen, dass dies die treibende Motivation ist“, erklärte der britische Historiker. Putin sähe sich hier in der Tradition russischer Herrscher, die mit Gewalt nach innen und außen die Stabilität des multiethnischen Imperiums gewahrt hätten. Die Ukraine zähle für Putin historisch zweifelsohne dazu. Dieses „pseudohistorische Narrativ“ hätte mit der Ukraineinvasion „enorm an Gewicht gewonnen“ und würde die Politikgestaltung „einer relativ kleinen Gruppe von Personen“, der Kleptokratie um Putin herum, bestimmen. Diese repräsentiere nicht Russland, denn neben ihr gäbe es „ein zweites und drittes Russland“ – den weiterhin funktionierenden Staats- und Verwaltungsapparat sowie die russische Gesellschaft außerhalb der Machtelite - in dem die Dinge „tatsächlich ziemlich gut“ funktionieren würden. Für den „Hofstaat“ um Putin herum aber würden gänzlich eigene Regeln gelten: So auch die, eine „Spezialoperation“ auf der Grundlage einer „strategischen Kultur“ unter Umgehung des eigens dafür erarbeiteten Szenarios initiiert zu haben.
Der Vortrag Dr. Mark Galeottis in englischer Sprache wurde vollständig mitgeschnitten
Bundeswehr/BesserAus diesem Grund hätte sich Putin direkt auch nie zu einer mutmaßlichen NATO-Mitgliedschaft der Ukraine geäußert, sondern stattdessen von einer „strategischen NATO-Architektur im ukrainischen Militär“ gesprochen, so Galeotti. Gemeint gewesen sei die mutmaßliche Stationierung von Raketen. Das sei zwar „unsinnig“, weil diese Raketen aus NATO-Gebiet heraus die gleiche Wirkung hätten, aber für Putin habe sich das Gefühl einer Bedrohung aufgebaut. „Ich glaube nicht, dass es um eine NATO-Aufnahme, die ukrainische Demokratie oder Ähnliches ging. Es steckte etwas Schärferes dahinter“, nämlich: Erfolgreiche russische Herrscher hätten stets Einflusssphären in der Peripherie des Imperiums aufgebaut, zuletzt die Sowjetunion unter Stalin und seinen Nachfolgern. Putin sah sich in genau dieser Tradition. In der Idee der „Spezialoperation“ hätte Putin die Lösung gesehen, nach außen und innen die „strategische Kultur“ Russlands in der Nachfolge seiner erfolgreichen Herrscher zu bewahren. In diesem Zusammenspiel aus pseudohistorischen Narrativen und Putins kleptokratischer Führung beantworte sich die Ausgangsfrage des Vortragsabends, ob man Russlands Verhalten aus dem Kalkül einer einzelnen Person heraus erklären könne oder ob man dazu strukturelle und historische Muster berücksichtigen müsse. „Es ist beides“, schloss Galeotti seinen Vortrag. Im anschließenden Gespräch mit Prof. Dr. Sasse wurden schließlich die zentralen Thesen mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen des Angriffskrieges diskutiert. Zahlreiche Fragen aus dem Publikum verdeutlichten das breite Öffentlichkeitsinteresse an dem Thema.
von Gerrit ReichertKooperationen, Vorträge, Workshops oder Tagungen des ZMSBw